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Alle starren auf Boris – dann lohnt es sich, einen Blick auf seine Herausforderer zu werfen

27. Mai 2019, 16:10 Uhr

Es ist ein häufiger Fehler in der Politik sowohl von Insidern als auch Outsidern: Dem Blendwerk des Rampenlichts zum Opfer zu fallen.

In Bezug auf die Nachwahlen zur Führungsspitze der britischen Konservativen, die am Freitag durch den Rücktritt Theresa Mays ausgelöst wurden, betrifft das einen ganz spezifischen Bewerber, der schon länger eine ebenso verführerische Option für die Parteibasis der Tories wie eine verschreckende Wahl für viele Beobachter sowohl in Britannien als auch auf dem Kontinent ist.

Stets seit seinem gescheiterten ersten Anlauf, nach dem Sturz David Camerons über das Brexit-Referendum 2016 Parteiführer der Konservativen und damit Premierminister des Vereinigten Königreiches zu werden, lugte oder – je nach Standpunkt des Betrachters – dräute Boris Johnson im Hintergrund, bereit zuzugreifen sobald Theresa May schließlich über den gordischen Brexit-Knoten stürzen würde.

Nun, da seine Gelegenheit gekommen ist und seine Chancen besser als jemals zuvor sind, macht es ihn prompt zum Favoriten sowohl der britischen Buchmacher als auch des Journalistenkorps in Westminster. Doch dies sind besonders tückische Situtationen in der Politik, wenn ein gesetzter Favorit einen so großen Schatten auf seine MitbewerberInnen wirft, dass diese beinahe unbemerkt bleiben – nur um dann vorbeizuziehen und das Ziel zur Überraschung allzu Vieler zuerst zu erreichen.

Daher wollen wir Ihnen mit diesem Beitrag einen Vorsprung verschaffen, was Sie für den Fall zu erwarten haben, dass einer von Boris‘ Rivalen ihn übertrumpft, komplett mit einer Abschätzung wie wahrscheinlich dieser Erfolg jeweils ist (die angegebenen Wahrscheinlichkeiten verstehen sich auf individueller, jeweils einzelner Vergleichsbasis mit Johnson, der als einer von zwei KandidatInnen als gesetzt angenommen wird). Einige der im Folgenden Aufgeführten haben ihre Kandidatur noch nicht erklärt; doch wir erwarten dies in Kürze und runden mit ihnen daher unsere Liste der ‚Nicht-Boris‘-Favoriten ab:

Michael Gove, Umweltminister – 10%

Goves Chancen werden dadurch limitiert, dass er seit seiner Volte gegen seinen alten Freund Boris Johnson im Rennen um den Parteivorsitz 2016 und seiner darauffolgenden eigenen Kandidatur als Verräter angesehen wird. Seine Brexiter-‚Qualitäten‘ haben mit Blick auf seine zunehmend relativierende Haltung im Kabinett May obendrein in den Augen vieler Tory-Hardliner gelitten, die nun kaum versucht sein dürften, einen Zauderer durch den anderen zu ersetzen. Sollte er es allerdings doch in No. 10 schaffen, dann erwarten wir von ihm, den Brexit entweder zu einem geordneten Ende zu bringen (womöglich mittels eines zweiten Referendums) oder gar die vollständige Rücknahme des Brexits, um einen ungeordneten No-Deal zu verhindern.

Jeremy Hunt, Außenminister – 20%

Aus unserer Sicht ist der Außenminister einer von Johnsons besonders gefährlichen Rivalen. Er ist gerade genug Brexiter, um die European Research Group (ERG, die Gruppe der Erz-Brexiters in den Konservativen Unterhausfraktion) zu überzeugen, und zugleich gerade ausgeglichen genug, um auch die Gegner des No-Deal hinter sich versammeln zu können. Er würde ebenfalls sehr wahrscheinlich eher den Brexit komplett zurücknehmen als es auf den No-Deal ankommen zu lassen.

Sajid Javid, Innenminister – 20%

Javid entspricht beinahe exakt dem Profil von Hunt, jedenfalls soweit es seine Wählbarkeit für die beiden Flügel der Konservativen betrifft. Falls überhaupt, dann wird er etwas mehr als Hardliner angesehen, doch würde er nach unserer Einschätzung ebenso wahrscheinlich keinen No-Deal riskieren. Seine Neigung zu einem zweiten Referendum allerdings dürfte eher noch geringer ausgeprägt sein als die Hunts.

Penny Mordaunt, Verteidigungsministerin – [nicht nominiert]

Die Verteidigungsministerin wäre eine der ernstzunehmendsten Gegnerinnen Johnsons gewesen. Nun, da sie sich entschieden hat nicht zu kandidieren, erhöht das Johnsons Chancen noch zusätzlich.

Mordaunt hat gerade genug Kabinettserfahrung, um die Hinterbänkler von ihren Fühungsqualitäten zu überzeugen; sie hat vergleichsweise wenig eingeschworene Feinde unter den konservativen Abgeordneten (vor allem im Vergleich zu Michael Gove oder Dominic Raab); und sowohl mit ihrem Auftreten als auch ihren politischen Prioritäten wirkt sie wie die Reinkarnation von Margaret Thatcher, was ihr die Loyalität all jener Konservativen einbringen dürfte, die eine ruhige Hand den unberechenbaren Mätzchen eines Boris Johnson vorziehen. Mordaunts Präferenzen bezüglich des No-Deal sind allerdings besonders schwer einzuschätzen; aber wir meinen mittlerweile analysiert zu haben, dass sie es deutlich wahrscheinlicher auf dieses Szenario ankommen lassen würde als etwa Gove, Javid oder Hunt.

Dominic Raab, Hinterbänkler – 10%

Obwohl nicht der Einzige, der über die Brexit-Politik der Regierung May zurückgetreten ist, hat Dominic Raab es doch geschafft, seine Glaubwürdigkeit dabei stark zu beschädigen. Während David Davis als Brexit-Minister zurückgetreten war noch bevor zu viele Details der Austrittsvereinbarung seinen Namen trugen (und damit in den Augen der Brexiters sogar als prinzipienfest erschien), legte Raab sein Amt just in dem Moment nieder, da er die Vereinbarung in Brüssel unterzeichnet hatte. Kein Wunder also, dass Viele in der Partei in ihm einen „Selbstmordattentäter“ sehen, „der sich dann in die Luft sprengt, wenn es ihm gefällt.“ Sollte er allerdings, unwahrscheinlich wie es ist, das Rennen tatsächlich machen, dann ist er sicherlich das größte No-Deal-Risiko unter den hier Genannten.

Liz Truss, Chefsekretärin des Schatzamtes – [nicht nominiert]

Truss hat sich letztlich doch gegen eine Kandidatur entschieden; stattdessen hat sie ihre Unterstützung für Johnson erklärt, dessen Aussichten sich damit zusätzlich verbessert haben.

Die Chefsekretärin des Schatzamtes – im Wesentlichen die Stellvetreterin des Schatzkanzlers in allen Belangen – dürfte unter den Gegnern des No-Deal rangieren. In der Tat dürften viele ihrer Unterhauskollegen sie als heimliche Alliierte oder gar Agentin von Philip Hammond ansehen, der ohne Zweifel lieber heute als morgen den Brexit einfach stoppen würde. Dieser Verdacht wiederum macht ihre Position in den Augen der ERG relativ unhaltbar, die in ihr ein ähnlich hohes Risiko für ihr Lebensziel erblicken wie in dem zwischenzeitlich verwandelten Michael Gove. Wiewohl das unfair mit Blick auf ihre persönliche, ausdrückliche Pro-Brexit-Haltung ist, dürfte ihre Zeit beim Brexit-feindlichen Schatzamt sie doch am Ende eher ablehnend gegenüber einem No-Deal-Brexit sein lassen, wenn es ernst wird.

[Bild: PublicDomainPictures, freie Verwendung unter Pixabay Standard-Lizenz]