Menu

Irrtum der Sparschwemme wird Anleiherenditen nicht von weiterem Anstieg abhalten

03. Mai 2018, 12:31 Uhr

Die Rendite der zehnjährigen US-Staatsanleihe hat nun schließlich doch die 3-Prozent-Marke erreicht, und Investoren ebenso wie Unternehmen und Regierungen fragen sich, ob sie noch weiter steigen wird. Argumente dafür und dagegen werden mit steigender Intensität ausgetauscht, während einige das Ende des jahrzehntelangen Bullenmarkts für Anleihen gekommen sehen. Nun, es scheint in der Tat, dass dies der Fall ist.

Bemerkenswerterweise tauschen Marktbeobachter und –kommentatoren eine Vielzahl von Faktoren aus, die für einen weiteren Anstieg der Renditen sprechen, von der ‚Normalisierung‘ der Geldpolitik einer Notenbank nach der nächsten bis zur Rückkehr der Inflation, während Andere vor allem die sogenannte „Sparschwemme“ (ein völlig irreführendes Konzept der neoklassischen Denkschule der Volkswirtschaftslehre) als bereits ausreichenden Grund dafür ins Feld führen, dass die Renditen einstweilen gedeckelt bleiben werden. Dabei bleibt der grundlegendste Aspekt in dieser Debatte zumeist unberücksichtigt, wiewohl er eigentlich zugleich der wirkmächtigste ist: Angebot und Nachfrage auf dem Markt für US-Staatsanleihen.

Unter Präsident Trump und einem republikanischen Kongress – der so fiskalpolitisch liberal eingestellt ist, wie es kein Liberaler besser sein könnte – steuern die USA auf gigantische, anhaltende Haushaltsdefizite zu, mit denen Waggonladungen zusätzlich zu emittierender Staatsanleihen in den kommenden Jahren verbunden sein werden. Das Angebot wird folglich sehr groß sein und bleiben (zwar hat das US-Schatzamt bekundet, es wolle vor allem relativ mehr kurzlaufende Anleihen begeben, doch führt allein angesichts des enormen Umfangs zusätzlicher Schuldpapiere kein Weg an einem steigenden Angebot auch langlaufender Papiere vorbei).

Die Nachfrage jedoch dummerweise nicht. Da die Welt-Zentralbanken eine nach der anderen ihre Anleihekaufprogramme beenden, wird Anleihe-Emittenten und –Haltern gleichermaßen ihre stetige ‚Put-Option‘ zum Verkauf ihrer Schuldtitel an die Notenbanken weggenommen. Die oben erwähnte „Sparschwemme“ jedoch, die dann oft als eine Art ‚Basisnachfrage‘ ins Feld geführt wird, wird diesen Nachfrageausfall nicht auffangen können, weil es sich bei diesem Konzept schlicht um eine Verwechslung von Liquidität und makroökonomischem Sparen handelt. Die Summe des makroökonomischen finanziellen Sparens entspricht notwendig der Summe der Ausgabenüberschüsse einer Periode ex post (aus denen wiederum die Investitionen gespeist werden), statt einer Welle von ständigen Sparüberschüssen, die auf die Märkte schwemmt und so die Zinsen drückt – wie es die neoklassische Theorie der „Loanable Funds“ annimmt.

Die entscheidende Variable für die Märkte ist vielmehr die Liquidität (oder schlicht Bar- bzw. Buchgeld). Und es gibt kaum eine ‚bessere‘ Liquidität als Zentralbanken, die als preis-indifferente Käufer den Markt für Staatsanleihen leerfegen. Dazu kommt noch, dass die Marktpsychologie über relative statt absolute Größenordnungen operiert: Sogar im historischen Vergleich immer noch erhöhte Liquiditätsniveaus werden dann trotzdem als relative Knappheit von Investoren empfunden, die scheinbar nicht abreißende Ströme von Zentralbankgeld gewohnt waren. Die Anleihekurse werden daher weiter fallen und also die Renditen weiter steigen lassen, auch am langen Ende der Zinskurve. Sie gewöhnen sich besser daran, und das schnell.

Jakob Steffen

 

[Grafik: geralt, Verwendung unter Creative Commons Lizenz CC0 1.0]