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Katalonien steht vor der Unabhängigkeit – und Spanien vor einem Scherbenhaufen

20. September 2017, 13:29 Uhr

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Allzu lange haben die meisten Marktteilnehmer – gleichermaßen innerhalb wie außerhalb Spaniens – die Augen verschlossen; nun steht der Einschnitt unmittelbar bevor. Am 1. Oktober wird die Bevölkerung der Region Katalonien in einem eigenmächtig anberaumten Referendum über ihre lang herbeigesehnte Unabhängigkeit von Spanien abstimmen – und sich aller Voraussicht nach mehrheitlich dafür aussprechen, ein Triumph für den katalanischen Ministerpräsidenten Carles Puigdemont.


In einem klassischen Paradoxon wird die Mitgliedschaft Spaniens in EU und Eurozone die Folgen sogar noch dramatisch verschärfen, sollte es tatsächlich zur Sezession Kataloniens kommen: Katalonien würde dann mindestens die EU und nach mehrheitlicher Meinung auch die Eurozone verlassen, um sodann Antrag auf seine Wiederaufnahme stellen zu müssen. Denn in einer Wiederholung des Szenarios, das für den Fall einer Unabhängigkeit Schottlands im Jahr 2014 zum Tragen gekommen wäre, hat EU-Kommissionspräsident Juncker bereits klargestellt, dass Katalonien nicht automatisch EU-Mitglied bleiben könne. Kommt es soweit, ist mit gravierenden Verwerfungen für die katalonische Wirtschaft zu rechnen: Analog zum Brexit wäre es nicht länger Mitglied im Binnenmarkt, und seine Ausfuhren in die EU somit von Zöllen betroffen, darunter insbesondere die bedeutsamen Auto-Exporte. Eine praktisch über Nacht neu einzuführende Währung neben dem Euro als akzeptiertes Zahlungsmittel wäre zweifelsohne relativ erheblich schwächer als der Euro; eine komplett neue Finanzverwaltung soll ab dem 2. Oktober ihren Betrieb aufnehmen, die allerdings in jedem Fall von Spanien als Hinterziehung angesehen wird, was daher alle Unternehmen träfe, die neben Katalonien in weiteren spanischen Regionen tätig sind. Denn Spanien will die Sezession auf keinen Fall anerkennen und hat bereits diverse juristische Druckmittel eingesetzt, darunter die unmittelbare Androhung von Strafverfolgung für alle katalanischen BürgermeisterInnen, die das Referendum in ihrer jeweiligen Stadt abhalten – bislang ohne Erfolg. In ihrer jüngsten Eskalation hat die spanische Regierung erst gestern eine Polizeirazzia gegen den Regierungssitz der Region durchführen lassen und dabei um die zwölf Beamte verhaften lassen.

Die Politik hat – entgegen der jüngst einsetzenden, unangemessenen Gelassenheit – somit auch weiterhin das Potential, EU und Eurozone negativ zu überraschen. Jedoch erwarten wir für den Fall der Unabhängigkeit Kataloniens keine Auswirkungen auf den Fortbestand des Euros: Spanien würde zwar einen empfindlichen ökonomischen Schlag erleiden, doch stünde der Euro als Zahlungsmittel auf der iberischen Halbinsel – im Unterschied zu den am Jahresanfang befürchteten Wahlerfolgen eurofeindlicher Populisten – nicht zur Debatte; selbst ein unabhängiges Katalonien hätte ein dringendes Interesse daran, die Gemeinschaftswährung mindestens parallel weiter zu nutzen. Daher haben wir auch davon abgesehen, die Entwicklungen in Spanien in unseren Wahrscheinlichkeitsbaum zu einer möglichen Eurokrise noch in diesem Jahr aufzunehmen, dessen Relevanz mit Blick auf die Wahlen mindestens in Italien gleichwohl auch für das neue Jahr bestehen bleibt.

 

[Foto: UlliPixa, freie Verwendung unter Creative Commons-Lizenz CCO 1.0]