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Neuwahlen in Spanien lassen katalanische Sezessionskrise wieder aufleben

23. April 2019, 11:05 Uhr

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Stets seit seiner trügerischen Aussetzung zu Beginn des vergangenen Jahres haben die meisten Investoren und Analysten innerhalb und außerhalb Spaniens die Augen vor dem drohenden Desaster verschlossen, das in der aufgeheizten Atmosphäre der Neuwahlen in Spanien nun wieder aufzuleben droht: Das drohende Wegbrechen Kataloniens vom Rest des Landes.

Die Minderheitsregierung des sozialistischen Premierministers Pedro Sanchez wurde just von katalanischen Abgeordneten im nationalen Parlament gestürzt; in der folgenden Wahlschlacht haben sowohl Sanchez als auch insbesondere seine Herausforderer von der rechtspopulistischen Vox-Partei immer wieder auf die „katalanische Frage“ gepocht und diese damit zum Kernelement der Politik jeder neuen Regierung gemacht.

In einem klassischen Paradoxon wird die Mitgliedschaft Spaniens in EU und Eurozone die Folgen sogar noch dramatisch verschärfen, sollte es tatsächlich zur Sezession Kataloniens kommen: Katalonien würde dann mindestens die EU und nach mehrheitlicher Meinung auch die Eurozone verlassen, um sodann Antrag auf seine Wiederaufnahme stellen zu müssen. Denn in einer Wiederholung des Szenarios, das für den Fall einer Unabhängigkeit Schottlands im Jahr 2014 zum Tragen gekommen wäre, hat EU-Kommissionspräsident Juncker bereits klargestellt, dass Katalonien nicht automatisch EU-Mitglied bleiben könne.

Kommt es soweit, ist mit gravierenden Verwerfungen für die katalonische Wirtschaft zu rechnen: Analog zum Brexit wäre es nicht länger Mitglied im Binnenmarkt, und seine Ausfuhren in die EU somit von Zöllen betroffen, darunter insbesondere die bedeutsamen Exporte der Automobilindustrie. Eine praktisch über Nacht neu einzuführende Währung neben dem Euro als akzeptiertes Zahlungsmittel wäre zweifelsohne relativ erheblich schwächer als der Euro.

Jedoch erwarten wir für den Fall der Unabhängigkeit Kataloniens keine Auswirkungen auf den Fortbestand des Euros: Spanien würde zwar einen empfindlichen ökonomischen Schlag erleiden, doch stünde der Euro als Zahlungsmittel auf der iberischen Halbinsel nicht zur Debatte; selbst ein unabhängiges Katalonien hätte ein dringendes Interesse daran, die Gemeinschaftswährung mindestens parallel weiter zu nutzen. Daher sehen wir auch weiterhin davon ab, eine katalanische Sezessionskrise in unseren Wahrscheinlichkeitsbaum zu einer möglichen, erneuten Eurokrise in der absehbaren Zukunft aufzunehmen, deren Relevanz mit Blick auf die politischen Entwicklungen in Italien gleichwohl äußerst kritisch bleibt.

[Update vom 23. April 2019, ursprünglicher Post vom 20. September 2017; Foto: UlliPixa, freie Verwendung unter Creative Commons-Lizenz CCO 1.0]