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Anhaltende Disruption statt v-förmiger Erholung

09. März 2020, 15:41 Uhr

Montag, der 9. März 2020 hat sich schon jetzt seinen zweifelhaften Platz unter den historischen Tagen finanzieller Panik gesichert. Das vieldiskutierte, neuartige Coronavirus ist sicherlich der Auslöser gewesen; doch der eigentliche Grund war Gelassenheit bis zur Grenze der Fahrlässigkeit – etwas, das noch immer in allzu vielen Kommentaren zu den Aussichten der Weltwirtschaft zu finden ist, sobald diese Krise einmal abklingen wird. Aber täuschen Sie sich nicht: Diese Erholung wird nicht v-förmig ausfallen; die makroökonomische Disruption in allen Sektoren der Ökonomie wird uns stattdessen für den Rest des Jahres erhalten bleiben.

Liquiditätsschwemme betäubt die Wahrnehmung

Ganz offensichtlich haben sich viele Beobachter getäuscht und sind zuvor durch die zur Gewohnheit gewordene Liquiditätsschwemme betäubt worden – und das obwohl der letzte Finanzschock erst 2018 erfolgt war. Doch Warnung über Warnung von anerkannten Wirtschaftsbeobachtern wie Mohamed El-Erian, ökonomischer Chefberater der Allianz-Gruppe, und Nouriel Roubini, einer der wenigen Boten der Weltfinanzkrise aus 2008, wurden in den Wind geschlagen und das oft wiederholte Mantra entgegengehalten, dass gewiss auch diese Krise schlussendlich in eine v-förmige Erholung münden werde. Nur dass sie das nicht wird.

Volkswirtschaften wechseln nicht so schnell die Gänge

Diese Gelassenheit rächt sich nun; und seriöse Makroökonomik lässt tatsächlich auch gar kein anderes Ergebnis zu. Das Coronavirus ist der seltene exogene, also unvermittelt von außen einwirkende makroökonomische Schock, gleichsam aus dem Lehrbuch: Nachdem das Virus Lieferketten durchtrennt hat und eine Welle von sog. Force Majeure-Vertragsaufkündigungen auszulösen droht, steht COVID-19 nun auch an, das Verbrauchervertrauen und damit den privaten Konsum massiv zu beeinträchtigen. Und es gibt noch ein weiteres Problem: Masseträgheit. Die Entwicklung einer Volkswirtschaft ist mit einem Supertanker vergleichbar: Wenn die Maschinen gestartet wurden, braucht er seine Zeit, um seine Normalgeschwindigkeit zu erreichen. Einmal in Gegenschub gewechselt, braucht er jedoch ebenso lange, um wieder zum Halten zu kommen – und die Weltwirtschaft ist bereits heftig in den Gegenschub gewechselt. Die Auswirkungen allerdings werden erst in einigen Monaten sichtbar werden, wenn viele Unternehmen noch immer nach Lückenfüllern für ihre neu auszurichtenden Lieferketten Ausschau halten, während andere bereits in die Insolvenz gegangen und die Konsumenten in den absoluten Sparmodus gewechselt sind.

Geldpolitik allein wird nicht reichen

Keine Zinsänderung oder andere geldpolitische Maßnahme wird ausreichen, um diesem Schock entgegenzuwirken: Die Geldpolitik kann stets nur Haushalte und Unternehmen mit zusätzlicher Liquidität ausstatten; doch wenn sie diese nicht ausgeben wollen, kann sie niemand dazu zwingen. Nur Staatsausgaben, idealerweise innerhalb der G20 konzertiert, könnten dieses Loch stopfen, da sie die einzige Form der Güternachfrage per Dekret sind. Doch auch das wird die Störung auf der Angebotsseite in der Weltwirtschaft nicht auffangen können – und könnte somit in der längeren Frist sogar zur Wiederbelebung eines Phänomens führen, das vor dem aktuellen makroökonomischen Hintergrund schon beinahe in Vergessenheit geraten ist: Inflation. In jedem Fall steht uns damit noch einiges mehr an makroökonomischem Chaos bevor.

Es droht eine Kreditklemme

Könnte eine aktive Geldpolitik wenigstens die drohende Kreditklemme abwehren, die sich anschickt den Berg von gerade noch als mündelsicher eingestuften Unternehmensanleihen zum Einsturz zu bringen und so die Trümmer zahlreicher Firmenpleiten hinterließe? Hoffentlich, aber leider nicht wahrscheinlich: Denn sowie die Investoren einmal von der Angst des Zahlungsausfalls gelenkt werden, verlangen sie entsprechend hohe Zinsen zur Kompensation ihres Risikos, gleich wieviel Liquidität anderswo im Markt verfügbar sein mag. Der Refinanzierungsbedarf dieser gefährdeten Unternehmensanleihen wird schon bald zahlreichen Chief Financial Officers den Schweiß auf die Stirn treiben – und damit auch den Anleiheinvestoren.

Die Erholung wird Zeit brauchen

Natürlich wird es schließlich eine Erholung von dieser Krise geben; das ist nicht die Frage. Doch wird es erheblich länger dauern als immer noch allzu viele Kommentatoren wahrhaben wollen, mindestens jedenfalls den Rest dieses Jahres. Und je eher wir das anerkennen und uns entsprechend darauf einstellen, desto mehr Schaden können wir womöglich noch abwenden.

Jakob Steffen

[Foto: geralt, freie Verwendung unter Pixabay license]