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Eine umstrittene US-Präsidentenwahl ist der wahrscheinlichste Fall

12. Oktober 2020, 16:26 Uhr

Die drei Szenarien unserer geschätzten KollegInnen bei ING Economics zur US-Präsidentenwahl sind plausibel – doch lassen sie ausgerechnet jenes mit dem größten Potential für enorme politische und ökonomische Turbulenzen außer Acht: das eines knappen, aber angefochtenen Sieges von Joe Biden nämlich.

Nach wiederholten diesbezüglichen Bekundungen Präsident Trumps besteht kein Zweifel mehr, dass er eine knappe Niederlage nicht ohne Weiteres akzeptieren wird. Gleichviel welches Mittel er dann ergreifen mag um die faktische Abstimmung im Wahlmännerkolleg zu sabotieren, würde dieses Szenario eine bittere und langgezogene Auseinandersetzung sowohl politischer als auch juristischer Natur nach sich ziehen, vergleichbar der Wahl von 2000 (oder, treffender, von 1824). In diesem Szenario ist es sehr wahrscheinlich, dass am Ende der Kongress sowohl den Präsidenten als auch die Vize-Präsidentin in einer sogenannten „Contingent Election“ wählen muss. Dies bedeutete, dass kein gewählter Präsident vor Ende des Jahres feststünde, was wiederum die Finanzmärkte in Chaos stürzen und den Dollar auf Talfahrt schicken würde.

Ein schwarzmalerisches Untergangsszenario, meinen Sie? Dann denken Sie noch mal nach: Die Verfassung der USA ist in ihrer Gewährleistung eines reibungslosen Machtübergangs in der Exekutive auf die Integrität und Gewissenhaftigkeit der jeweils handelnden Akteure angewiesen. Doch immer wieder hat Donald Trump sich damit gebrüstet, eben diese verhassten Konventionen des Establishments zu verachten. Nur wahrscheinlich also, dass dieser Präsident jedes ihm zur Verfügung stehende Mittel nutzen wird um den Prozess des Machtübergangs ins Chaos zu stürzen.

Es ist zwar richtig, dass ein deutlicher Sieg Joe Bidens mittlerweile als das wahrscheinlichste Ergebnis dieser Wahl erscheint. Doch das nächstwahrscheinliche ist weder ein klarer Wahlsieg Trumps noch (und viel weniger) eine „blaue Welle“, die dann ausgerechnet den Senat unberührt lässt. Das Szenario, das abseits eines klaren Wahlsiegs Joe Bidens noch in der Wahlnacht hervortritt, ist sein Sieg mit Hilfe der Millionen von zu erwartenden Briefwahlstimmen in den Tagen darauf – und das genau ist der Zeitpunkt, zu dem Donald Trump und sein Lager Ärger machen werden.