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Obskures Entstehen und Verschwinden von Kapitalverkehrskontrollen in China werden zum Eigentor

16. November 2017, 15:03 Uhr

Chinesischer Drache

Wir haben bereits ausführlich darüber in unserem monatlichen Infobrief geschrieben (s. Ausgaben 06/17 und 10/17), und die Geschichte scheint sich fortzusetzen: Chinas Kapitalverkehrskontrollen werden in verwirrender Weise fortlaufend kreiert und teils parallel wieder abgeschafft, und lassen somit internationale Investoren im Unklaren über die zukünftigen Absichten des Reichs der Mitte in Bezug auf seine Finanzregulierung.

Obwohl die Regierung in einer Art Alibi-Maßnahme die lange Zeit bestehenden Beschränkungen von ausländischen Beteiligungen an heimischen Finanzdienstleistern jüngst aufgehoben hat, bleiben viele andere Restriktionen und Kontrollen zeitgleich bestehen – einige davon ebenso erst vor kurzem geschaffen. Grenzüberschreitende Unternehmenskäufe beispielsweise, die den Regulierungsbehörden schon seit längerem wegen ihres mittlerweile halsbrecherischen Volumens ein Dorn im Auge sind, wurden weiter eingeschränkt: Auch die Finanzierung solcher Käufe über Investmentvehikel außerhalb Chinas sind nun Kontrollen unterworfen. Obskurerweise jedoch sind explizit Investitionen in jenen Bereichen und Branchen, die den politischen Prioritäten der Regierung dienen, von diesen Restriktionen ausgenommen; darunter fällt etwa die großangelegte „Belt and Road Initiative“, die auf die Errichtung eines von Chinas kontrollierten Infrastrukturimperiums in ganz Asien und darüber hinaus abzielt.

Die übergreifende Zielsetzung der Kapitalverkehrskontrollen insgesamt ist die Verhinderung eines weiteren Abfließens von Devisen aus den Reserven des Landes, nachdem China noch bis ins vergangene Jahr die weltweit größten Währungsreserven aufgebaut hatte. Die Kontrollen hatten nun bereits dahingehend Erfolg, dass sie einen großen Pool von Renminbi innerhalb der Landesgrenzen erzeugt haben, der nun das Private Equity-Geschäft in besonderem Maße anheizt – nicht zuletzt, weil das Kapital eben kaum in andere Kanäle strömen kann. Alle Großen der Branche sind bereits darauf aufmerksam geworden und haben ihre Renminbi-denominierten „onshore“-Aktivitäten innerhalb Chinas deutlich hochgefahren. Doch wie beinahe immer in der Ökonomie hat auch dieser positive Effekt eine negative Seite: Während die ‚Internierung‘ des Kapitals innerhalb Chinas Grenzen die für Startups elementare Private Equity-Branche befeuert, dehnt sie zugleich bereits bestehende Blasen wie vor allem im Immobiliensektor noch zusätzlich aus. Es ist daher kein Zufall, dass ‎Zhou Xiaochuan, der scheidende Zentralbank-Chef, gerade jetzt vor einem „Minsky-Moment“ gewarnt hat – der Moment also, in dem die Märkte die weitgehende Unwiederbringlichkeit eines Großteils der bis dato erzeugten Schulden realisieren. Statt die Finanzstabilität zu erhöhen, gefährden die Kapitalverkehrskontrollen sie also auf mittlere Sicht noch zusätzlich, selbst wenn sie den Zeitpunkt des Krisenfalls hinausschieben.

Die erratische, undurchsichtige Art und Weise, in der Chinas Regulierungsbehörden ihre Instrumente einsetzen, erzeugt somit insgesamt zunehmende Unsicherheit; und wir prognostizieren daher, dass dies absehbar zu einem Eigentor werden wird.

 

[Bild: JanDyrda, Verwendung unter Creative Commons Lizenz CCO 1.0]