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Wohin wird der Dollar laufen, wenn die Wahlnacht vorüber ist? Unsere Minderheitsmeinung

02. November 2020, 16:08 Uhr

Es scheint Konsens unter den meisten unserer KollegInnen zu sein, dass eine bereits in der Wahlnacht erkennbare „blaue Welle“ sich negativ auf den US-Dollar auswirken dürfte, während ein umkämpftes Wahlergebnis oder gar ein direkter Wahlsieg Donald Trumps als positiv für die US-Währung eingestuft wird. Wir melden respektvollen Zweifel an, jedenfalls mit Blick auf das letztgenannte Szenario.

„Blaue Welle“ unzweifelhaft Dollar-negativ

Wir stimmen mit der Prognose der meisten Beobachter und Analysten überein, wonach ein Wahlsieg der Demokraten sowohl in beiden Häusern des Kongresses als auch im Weißen Haus negative Auswirkungen auf den Dollar haben dürfte: Die Unsicherheit würde binnen Stunden verfliegen und abgelöst werden von der gewissen Aussicht auf das größte Konjunkturpaket seit Jahrzehnten. Sogar steigende Renditen für US-Staatsanleihen, die in diesem Szenario eine nahezu sichere Begleiterscheinung wären, dürften dem Dollar kaum nennenswerten Schub verleihen, dessen primärer Treiber sein Charakteristikum eines sicheren Hafens ist, verbunden mit seiner Funktion als das weltweit wichtigste Finanzierungs- und Transaktionsmedium. Darüber hinaus wäre der Nettoeffekt einer ungehinderten Biden-Administration auf die öldominierte US-Energiewirtschaft nahezu sicher steigende Ölpreise, wenn neue Bohrtätigkeit eingeschränkt und Erneuerbare Energien gefördert werden würden. Steigende Energiepreise jedoch tendieren dazu auf dem Dollar zu lasten, da der weit überwiegende Teil des Rohölhandels in der US-Währung abgewickelt wird.

Wahlsieg Donald Trumps und umstrittenes Wahlergebnis sind nicht Dasselbe

Doch im Gegensatz zu den meisten unserer KollegInnen gelangen wir zu einem anderen Ergebnis mit Blick auf das Szenario eines umstrittenen Wahlergebnisses. Ja, eine direkte Wiederwahl von Donald Trump wäre unzweifelhaft Dollar-positiv, sowohl wegen der erwiesenen protektionistischen Tendenzen des Präsidenten als auch der dann schwindenden Aussicht auf erfolgreiche Verhandlungen mit der demokratischen Kongressmehrheit in Bezug auf ein neues Konjunkturpaket. Doch ein umkämpftes Wahlergebnis, gleichviel welcher der Kandidaten dies auslöste, ist eine völlig andere Angelegenheit.

Folgen einer Wahlanfechtung unterscheiden sich zwischen kurzer und langer Frist

Natürlich wäre der kurzfristige Reflex der Märkte ein sprunghafter Anstieg des Dollars, schlicht wegen der mit diesem Szenario verbundenen anziehenden Volatilität und der dauerhaften Ungewissheit, die die Investoren so fürchten. Doch auf längere Sicht hinge viel vom weiteren Verlauf der Dinge ab: Es ist nicht weit hergeholt anzunehmen, dass ein langwieriger Hickhack über den korrekten Verlauf der Stimmenabgabe und damit der Gültigkeit des Wahlergebnisses in einer anhaltenden, massiven Verfassungskrise mündete. Dies jedoch wäre alles andere als förderlich für den Status des Dollars als sicherer Hafen: Es ist gar nicht notwendig, dass die Märkte tatsächlich annähmen, die USA könnten einen Zahlungsausfall bei der Bedienung ihrer Staatsschuld erleiden. Es reichte vollkommen aus, dass die Märkte keine klar mandatierte Regierung absehen könnten, um der US-Wirtschaft inmitten einer zweiten Coronawelle die notwendige Unterstützung zu leisten. Die in diesem Szenario voraussichtlich tatsächlich reüssierenden Währungen wären dann vielmehr der japanische Yen und, zu einem geringeren Grad, der Schweizer Franken, beide wegen ihrer relativ unbeeinträchtigten Rolle als alternative sichere Häfen.

Leider jedoch ist es genau dieses Szenario, was wir als das wahrscheinlichste Ergebnis des Urnengangs am Dienstag erwarten: Eine knappe, umstrittene Stimmenzählung mit Wochen und womöglich Monaten politischen Chaos‘ in der Folge, mit allen schädlichen Auswirkungen auf die Finanzmärkte und die Weltwirtschaft insgesamt im denkbar schlechtesten Moment. Sagen Sie nicht, wir hätten sie nicht gewarnt.

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