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Zur Inflation – Paradigmenwechsel zunehmend wahrscheinlich

13. August 2021, 15:37 Uhr

Nur Basis- und Sondereffekte?

Die Inflation scheint zurückgekehrt, wie ein Blick auf die aktuellen Zahlen in Deutschland und der Eurozone, vor allem aber die USA zeigt. Doch „Halt!“, wenden sogleich viele Ökonom*innen und vor allem die Zentralbanken ein, dies sei nur ein temporärer Ausgleichseffekt im Rahmen des Ausgangs aus der Corona-Pandemie, der sich im Lauf der kommenden Monate wieder legen werde. Der größte Teil des verzeichneten Preisanstiegs seien ohnehin nur Basis- und Sondereffekte, folgend aus dem Vergleich mit den pandemiebedingt gestürzten Preisen v.a. für Energie vor Jahresfrist sowie der temporären Aus- und dann wieder Einsetzung von Steuern wie z.B. der Mehrwertsteuer in Deutschland.

Wir vertreten eine dezidiert gegenteilige Analyse, die vielmehr zu dem Ergebnis kommt, dass gerade eine grundlegende Veränderung des makroökonomischen Umfelds zu Gunsten anhaltend erhöhter Inflationsraten Raum greift.

Produzentenpreise deuten auf ein strukturelles Problem

Es sind zunächst eben nicht nur Basiseffekte, die die aktuell drastisch erhöhten Inflationsraten zur Gänze erklären. Für Rohöl und Ölprodukte mag dies noch zutreffen; nicht aber für Gas, und schon gar nicht für Mieten, Gemüse, und vielem anderen mehr, in Deutschland zudem auch abseits der und über die Wiedereinsetzung der Mehrwertsteuer hinaus. Die Produzentenpreise steigen daneben weiterhin sogar mit zunehmenden Tempo; zugleich schlagen sie mehr als zuvor auf die Verbraucherpreise durch.

Besonders prägnant ist dies aktuell in der Kunststoffindustrie zu beobachten: Die dortigen Lieferprobleme bei Vorprodukten erzeugen ihrerseits Preisanstiege, die absehbar weitergereicht werden und somit schließlich auch Niederschlag in den Verbraucherpreisen finden werden.

Bewegung auch bei Löhnen und Inflationserwartungen

Auch bei den Löhnen sind erste Regungen zu verzeichnen: Einige Konzerne in den USA, die typischerweise im Niedriglohnsektor angesiedelt sind (Walmart, McDonald’s etc.) haben damit begonnen, ihre Löhne zu erhöhen um ausreichend Arbeitskräfte zu finden, während in der Eurozone die ersten Gewerkschaftsforderungen nach höheren Löhnen in Folge der anziehenden Inflation einsetzen. Selbst wenn dies noch nicht die Manifestation der gefürchteten Lohn-Preis-Spirale ist: Der Anfang ist klar gelegt. Vor allem aber zeigt dies, dass nun langsam auch die Inflationserwartungen zu steigen beginnen.

Schön und gut. Aber wird nicht schon bald ein Teil der für aktuell zu beobachtenden Preissteigerungen wieder entfallen? Wir sind da skeptisch.

Bottlenecks werden nicht so schnell verschwinden

Abseits einer deutlichen Verlangsamung des Wirtschaftswachstums, die ohnehin inflationsdämpfend wirkte (Stichwort: „peak growth“, das dieser Tage oft bemühte Schlagwort angesichts einer vermeintlich bereits wieder abflauenden Erholung im Ausgang aus der Pandemie), ist kaum mit nennenswert fallenden Energiepreisen zu rechnen. Wie empfindlich dies mittlerweile zu Buche schlägt, zeigt der aktuelle Apell der amerikanischen Regierung an die Adresse der OPEC, doch bitte die Fördermengen zu erhöhen um die Erholung nicht durch hohe Energiepreise abzuwürgen.

Die aktuell zu beobachtenden Engpässe in der Logistik (Stichwort Containerstaus in den Häfen), in der Chip-Industrie und auch in der erwähnten Kunststoffindustrie als besonders relevanter Grundstoffindustrie werden nicht so schnell verschwinden, da ihre Beseitigung teils sehr zeitintensiv ist (Chipfabriken) und teils von der Pandemie anhaltend behindert wird (Häfen v.a. in Fernost). Dazu kommt schließlich noch die zukünftig greifende und über die gesamte Wertschöpfungskette hinweg wirksame Verteuerung von Kohlenstoffemissionen, die sich unweigerlich im Preisgefüge niederschlagen wird.

Von der kurzen zur langen Frist

Soweit zur kurzen Frist. Mit Blick auf die längere Frist gibt es nun den folgenden, entscheidenden Einwand: Warum sollte Corona plötzlich einen Regimewechsel bei den zuvor dominanten, disinflationären Faktoren wie dem demographischen Wandel, globalisierten Wertschöpfungsketten, fallenden Investitionen sowie von China fortwährend ‚exportierter‘ Deflation ausgelöst haben – ein Mix der unter „säkularer Stagnation“ bekannt ist? Nun, weil zum einen mindestens die Globalisierung durch die Pandemie noch zusätzlich einen bereits vorher spürbaren Dämpfer erlitten hat, und China sich aus einer Reihe von Gründen aktuell anschickt, nicht mehr Deflation sondern eher Inflation zu exportieren. Zum anderen kommt aus theoretischer Perspektive hinzu, dass ein makroökonomischer Schock wie der dieser Pandemie dazu geeignet ist, im Sinne eines Hysterese-Effektes das Preisgefüge dauerhaft zu verändern und damit potentiell auch das gesamte Preisniveau – insbesondere dann, wenn anhaltende Angebotsfriktionen auf eine staatlich induzierte Zusatznachfrage treffen, wie das aktuell der Fall ist.

[Addendum vom 18. August:] Die in den kommenden Jahren erforderlichen Investitionen sowohl auf staatlicher als auch privater Ebene für die Zwecke des klimaschonenden Umbaus westlicher Volkswirtschaften schließlich werden endgültig mit der säkularen Stagnation brechen.

Anhaltend erhöhte, nicht galoppierende Inflation

Zusammengenommen bedeutet dies alles absolut nicht, dass der aktuell zu beobachtende Anstieg der Preise sich noch beschleunigen wird (also das Wachstumstempo des Preisanstiegs noch zunimmt); im Gegenteil wird sich die Teuerung von den momentanen Niveaus beinahe sicher abschwächen. Doch mindestens muss man zu dem Ergebnis kommen, dass im krassen Kontrast zu den Jahren vor Corona die Wahrscheinlichkeitsverteilung nunmehr klar zu Gunsten eines inflationsbegünstigenden Umfelds gekippt ist. Und entscheidend ist eben diese relative Veränderung gegenüber dem bisher gewohnten Niedrigzins/-inflationsumfeld: Ein etwaiger Zinsanstieg, ausgehend von den Renditen für Staatsanleihen im Gefolge anhaltend erhöhter Inflationsraten auf nur 1-2% für einen Zeitraum von fünf Jahren bedeutet relativ gesehen eine Vervielfachung der Finanzierungskosten quer durch alle Wirtschaftsbereiche. Damit steht uns ein echter Paradigmenwechsel bevor – und ein explosiver weiterer Anstieg der Inflationsraten ist dafür nicht mal erforderlich.

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